Nach der Einnahme von medizinischem Cannabis schlägt Ihr Herz plötzlich schneller. Vielleicht spüren Sie jeden einzelnen Schlag deutlicher als sonst. Das kann beunruhigen, denn Herzrasen weckt schnell den Gedanken an eine Herzrhythmusstörung. Tatsächlich kann THC den Puls messbar beschleunigen.
Ob medizinisches Cannabis darüber hinaus relevante Arrhythmien begünstigt, lässt sich wissenschaftlich deutlich schwerer beantworten.
THC kann den Puls innerhalb kurzer Zeit beschleunigen
Für diese unmittelbare Wirkung gibt es einen vergleichsweise klaren Befund. Eine systematische Übersichtsarbeit wertete sechs Humanstudien mit insgesamt 150 Teilnehmenden aus. Nach akuter THC-Gabe stieg die Herzfrequenz im Mittel um rund 8 Schläge pro Minute.
Das heißt allerdings nicht, dass Ihr Puls nach jeder Einnahme um genau acht Schläge steigt. Die einzelnen Studien kamen zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen. Wie stark das Herz reagiert, kann von der Dosis, der Darreichungsform, der Erfahrung mit Cannabis und dem Zeitpunkt der Messung abhängen.
THC greift unter anderem in die Regulation des autonomen Nervensystems ein, also jenes Teils des Nervensystems, der Herzschlag und Blutdruck unbewusst steuert. Zugleich können sich Blutgefäße erweitern und der Blutdruck kann sinken.
Darauf kann das Herz mit einem schnelleren Schlag reagieren.

Bei echten Rhythmusstörungen wird die Datenlage unsicherer
Genau hier wird die Unterscheidung wichtig. Dass THC kurzfristig den Puls beschleunigen kann, ist vergleichsweise gut belegt. Ob eine medizinische Cannabistherapie tatsächlich neue Herzrhythmusstörungen verursacht, ist deutlich weniger klar.
Besonders aufschlussreich ist eine landesweite Untersuchung aus Dänemark. Sie verglich 5.391 Menschen, denen wegen chronischer Schmerzen erstmals medizinisches Cannabis verschrieben wurde, mit 26.941 vergleichbaren Personen ohne eine solche Behandlung.
Innerhalb von 180 Tagen erhielten 0,8 Prozent der Cannabisgruppe die Diagnose einer neuen Arrhythmie. In der Kontrollgruppe waren es 0,4 Prozent.
Die entscheidende Zahl: 0,8 Prozent gegenüber 0,4 Prozent
Relativ betrachtet war das Risiko in der dänischen Studie ungefähr doppelt so hoch. Absolut lag der Unterschied bei 0,4 Prozentpunkten.
Beide Angaben beschreiben dasselbe Ergebnis. Wie groß der beobachtete Unterschied tatsächlich war, zeigt die absolute Zahl jedoch besser.
Außerdem handelte es sich um eine Beobachtungsstudie. Trotz sorgfältiger statistischer Anpassungen können sich die Gruppen in Faktoren unterschieden haben, die nicht vollständig erfasst wurden. Die Studie zeigt deshalb ein Sicherheitssignal. Dass medizinisches Cannabis die Rhythmusstörungen verursacht hat, beweist sie nicht.
Eine große Studie fand keinen Zusammenhang mit Vorhofflimmern
Mit weiteren Untersuchungen wird das Bild noch komplizierter.
Eine 2026 veröffentlichte Metaanalyse von 14 Beobachtungsstudien mit zusammen mehr als 81 Millionen Menschen fand eine statistische Assoziation zwischen Cannabiskonsum und atrialen Arrhythmien, also Rhythmusstörungen, die von den Herzvorhöfen ausgehen.
Die eingeschlossenen Bevölkerungsgruppen und Definitionen unterschieden sich allerdings erheblich. Zudem stammen viele dieser Daten nicht aus einer kontrollierten medizinischen Cannabistherapie.
Dem steht ein wichtiger Gegenbefund gegenüber. In der britischen UK Biobank wurden 150.554 Menschen durchschnittlich 6,1 Jahre lang beobachtet. Dort war weder gelegentlicher noch häufiger Cannabiskonsum in der Vorgeschichte signifikant mit neu auftretendem Vorhofflimmern verbunden.
Gegeneinander aufrechnen lassen sich die beiden Ergebnisse nicht, denn sie beruhen auf unterschiedlichen Populationen und Erfassungsmethoden. Gemeinsam machen sie vor allem deutlich, dass sich aus der bisherigen Forschung keine verlässliche individuelle Risikozahl ableiten lässt.
THC, CBD und Einnahmeform machen einen Unterschied
Hinter dem Sammelbegriff Cannabis verbergen sich weitere Unsicherheiten. THC ist wahrscheinlich der wichtigste Treiber der akuten Pulssteigerung. Für CBD zeigen kontrollierte Untersuchungen keine vergleichbar konsistente Veränderung von Herzfrequenz oder Blutdruck.
Eine Schutzwirkung oder eine garantierte Sicherheit für das Herz lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Auch die Einnahmeform verändert den zeitlichen Verlauf. Beim Inhalieren steigen die THC-Spiegel rasch an, oral aufgenommenes THC wirkt verzögert und schwankt stärker. Direkte klinische Vergleiche, die zuverlässig zeigen, welche medizinische Einnahmeform das geringste Arrhythmierisiko hat, fehlen bislang.
Ein vermeintlich einfacher Ausweg, etwa Produkt, Dosis oder Einnahmeform auf eigene Faust zu wechseln, ist deshalb medizinisch nicht sinnvoll.
Bei Herzerkrankungen zählt auch die übrige Medikation
Besondere Aufmerksamkeit verdient medizinisches Cannabis bei Menschen mit bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Rhythmusstörungen. Wie hoch das zusätzliche individuelle Risiko für diese Gruppen ist, lässt sich bislang nicht zuverlässig beziffern.
Dazu kommt ein zweites Problem. THC und CBD können Enzyme beeinflussen, die am Abbau verschiedener Arzneimittel beteiligt sind. Relevant sind unter anderem mögliche Wechselwirkungen mit gerinnungshemmenden Vitamin-K-Antagonisten wie Warfarin oder Phenprocoumon.
Für CBD ist außerdem beschrieben, dass es das Enzym CYP2C19 hemmt. Das kann die Aktivierung des Plättchenhemmers Clopidogrel beeinträchtigen.
Nehmen Sie Gerinnungshemmer (Antikoagulanzien), Plättchenhemmer oder eine komplexe Herzmedikation ein, sollten Sie Beginn, Absetzen oder eine deutliche Dosisänderung einer Cannabistherapie deshalb mit der behandelnden Praxis abstimmen. Konkrete Anpassungen der Herzmedikamente gehören in ärztliche Hand.
Diese Herzbeschwerden sollten Sie abklären lassen
Ein vorübergehend schnellerer Puls gehört zu den plausiblen und vergleichsweise gut belegten unmittelbaren Wirkungen von THC. Neu auftretende Beschwerden sollten Sie trotzdem nicht automatisch darauf zurückführen.
Zeitnah ärztlich abklären lassen sollten Sie:
- neu oder wiederholt auftretendes Herzrasen
- einen auffällig unregelmäßigen Puls
- anhaltendes oder häufiges Herzstolpern
- Schwindel im Zusammenhang mit Herzbeschwerden
- einen neu auftretenden Leistungsabfall
Besonders wichtig ist die ärztliche Rücksprache, wenn solche Beschwerden nach Therapiebeginn oder einer Dosiserhöhung auftreten oder bereits eine Herz-Kreislauf-Erkrankung bekannt ist.
Bei starken Brustschmerzen, ausgeprägter Atemnot, Bewusstlosigkeit, schweren Kreislaufproblemen oder plötzlich auftretenden neurologischen Ausfällen brauchen Sie dagegen sofort medizinische Hilfe über den Notruf 112.

Fazit: Schneller Puls und Rhythmusstörung sind zwei verschiedene Fragen
THC kann die Herzfrequenz kurzfristig erhöhen. Dieser Effekt ist wissenschaftlich wesentlich besser belegt als die Entstehung klinisch relevanter Herzrhythmusstörungen.
Für Arrhythmien gibt es ernst zu nehmende Beobachtungssignale. Die direkteste Studie zu medizinischem Cannabis fand innerhalb von 180 Tagen einen absoluten Unterschied von 0,4 Prozentpunkten.
Andere große Untersuchungen kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Ob ein ursächlicher Zusammenhang besteht und wie hoch das individuelle Risiko ist, lässt sich daraus bislang nicht sicher bestimmen.
Wer nach der Einnahme lediglich einen vorübergehend schnelleren Herzschlag bemerkt, hat deshalb nicht automatisch eine Arrhythmie. Neue, wiederkehrende oder unregelmäßige Herzbeschwerden sollten Sie dennoch ärztlich abklären lassen, vor allem bei einer bestehenden Herzerkrankung oder relevanter Begleitmedikation.
Häufig gestellte Fragen!
Ja. Vor allem THC kann die Herzfrequenz kurzfristig erhöhen. Wie stark dieser Effekt ausfällt, ist von Person zu Person verschieden.
Nicht automatisch. Ein schneller Sinusrhythmus und eine klinische Arrhythmie sind unterschiedliche Befunde, auch wenn sich beides als Herzklopfen oder Herzrasen bemerkbar machen kann.
Beobachtungsstudien zeigen teilweise eine Assoziation zwischen Cannabiskonsum und Vorhofflimmern beziehungsweise anderen atrialen Arrhythmien. Dass medizinisches Cannabis Vorhofflimmern verursacht, belegen sie jedoch nicht.
Einen belastbaren Nachweis, dass CBD Herzrhythmusstörungen verhindert, gibt es nicht. Klinische Daten bei Menschen mit Herzerkrankungen sind begrenzt, außerdem sind Wechselwirkungen mit Medikamenten möglich.
Ändern oder beenden Sie eine verordnete Therapie nicht allein wegen Herzrasen. Neu auftretende, wiederkehrende oder ausgeprägte Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden. Wie es mit der Behandlung weitergeht, besprechen Sie dann gemeinsam.
