Mit dem 60. Geburtstag ändert sich bei der Grippeimpfung etwas Grundsätzliches. Ab diesem Alter empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die jährliche Impfung generell. Wer 59 ist, bekommt diese Empfehlung allein wegen seines Alters noch nicht. Dabei kann derselbe Mensch längst zu einer Risikogruppe gehören.
In den Jahren vor dieser Altersgrenze entsteht so eine Versorgungslücke. Bei Männern ist sie besonders aufschlussreich, weil sie seltener ärztliche Leistungen in Anspruch nehmen.
Die These vom männlichen Impfmuffel hält den Daten nicht stand
Männer gehen seltener zum Arzt, nehmen manche Vorsorgeangebote seltener wahr und gelten schnell als Gesundheitsmuffel. Da liegt die Vermutung nahe, dass sie auch bei der Grippeimpfung häufiger abwinken.
Für Männer zwischen 40 und 59 Jahren lässt sich das mit aktuellen deutschen Daten allerdings nicht belegen. Es fehlt eine Statistik, die Alter, Geschlecht und Risikostatus differenziert genug gemeinsam betrachtet.
Einen Hinweis liefern ältere Befragungsdaten. In der Gesundheitsbefragung GEDA 2014/2015-EHIS gaben 6,4 Prozent der Männer zwischen 18 und 59 Jahren eine Influenza-Impfung an, bei den Frauen waren es 8,8 Prozent. Die Aussagekraft ist jedoch begrenzt. Die Altersgruppe ist breit, die Angaben beruhen auf Selbstauskunft, und offen bleibt, wie viele Befragte überhaupt eine medizinische Impfempfehlung hatten.
Hinzu kommt, dass eine niedrige Impfquote nichts darüber verrät, warum jemand ungeimpft ist. Vielleicht wurde die Impfung bewusst abgelehnt. Vielleicht wurde sie nie angeboten, schlicht vergessen, oder die eigene Grunderkrankung wurde nicht als Grund für eine Impfung erkannt.

Die auffällige Zahl betrifft Risikopatienten unter 60
An anderer Stelle werden die deutschen Daten deutlicher. Von den gesetzlich versicherten 18- bis 59-Jährigen mit einer dokumentierten impfrelevanten Grunderkrankung waren in der Saison 2023/24 nur etwa 21 Prozent gegen Influenza geimpft.
Bei Menschen ab 60 lag die Quote bei knapp 40 Prozent. Beide Zahlen stammen aus unterschiedlichen Zielgruppen und dürfen deshalb nicht wie zwei identische Vergleichsgruppen behandelt werden. Sie zeigen aber, dass die Impfquote auch bei jüngeren Menschen mit erhöhtem gesundheitlichem Risiko niedrig ist.
Damit verschiebt sich die eigentliche Frage. Spannender als die Suche nach männlichen Impfverweigerern ist, warum Menschen vor ihrem 60. Geburtstag ungeimpft bleiben, obwohl bei ihnen bereits eine Indikation besteht, also ein anerkannter Grund für die Impfung.
Mit 59 kann das Risiko längst da sein
Für einen gesunden Mann zwischen 40 und 59 Jahren gibt es allein aufgrund seines Alters keine allgemeine STIKO-Empfehlung zur Influenza-Impfung. Die gilt erst ab 60.
Vorher können Erkrankungen den Ausschlag geben. Die STIKO empfiehlt die jährliche Impfung etwa bei chronischen Erkrankungen der Atemwege, bei chronischen Herz-Kreislauf-, Leber- oder Nierenerkrankungen, bei Diabetes und anderen Stoffwechselerkrankungen sowie bei bestimmten neurologischen Erkrankungen und Immundefekten.
Für die Lebensmitte ist das relevant, denn chronische Erkrankungen werden schon vor 60 häufiger. In GEDA 2019/2020-EHIS berichtete fast jeder zehnte Mensch zwischen 45 und 64 Jahren von einem Diabetes. Bei COPD, einer chronischen Lungenerkrankung, lag der Anteil der Betroffenen in dieser Altersgruppe bei etwa 7,6 Prozent.
Auch andere Erhebungen zeigen, dass die Krankheitslast in der Lebensmitte wächst. Addieren lassen sich diese Werte allerdings nicht. Erkrankungen überschneiden sich, die Untersuchungen arbeiten mit unterschiedlichen Methoden, und nicht jede Diagnose bedeutet automatisch eine Impfempfehlung gegen Influenza.
Wie viele Männer zwischen 40 und 59 in Deutschland wegen einer Grunderkrankung bereits zur Zielgruppe der Impfung gehören, lässt sich derzeit nicht seriös beziffern.
Weniger Arztkontakte können weniger Impfgelegenheiten bedeuten
Hier kommt der Unterschied zwischen den Geschlechtern ins Spiel. Laut GEDA 2019/2020-EHIS hatten 79,5 Prozent der Männer innerhalb eines Jahres mindestens einen allgemeinärztlichen Kontakt, bei den Frauen waren es 84,2 Prozent. Fachärztliche Leistungen nahmen 53,3 Prozent der Männer und 67,8 Prozent der Frauen in Anspruch.
Bei den 45- bis 64-Jährigen zeigte sich beim Hausarzt dasselbe Muster. Hier lagen die Anteile bei 80,4 Prozent der Männer und 85,3 Prozent der Frauen.
Dass weniger Arztbesuche die Impflücke verursachen, ist damit nicht bewiesen. Für die Versorgung ist der Zusammenhang trotzdem bedeutsam. Jeder Arztkontakt ist eine Gelegenheit, eine Erkrankung zu diagnostizieren, das daraus folgende Influenzarisiko einzuordnen, den Impfstatus anzusprechen und gegebenenfalls gleich zu impfen.
Auch die verbreitete Erklärung, Männer hätten schlicht eine schlechtere Gesundheitskompetenz, greift nicht. Im RKI-Panel 2024 war der Unterschied zwischen den Geschlechtern bei der allgemeinen Gesundheitskompetenz statistisch nicht signifikant.
Eine Grippe kann für Risikopatienten mehr als eine verlorene Woche bedeuten
Influenza kann eine Lungenentzündung (Pneumonie) auslösen und bestehende Erkrankungen wie COPD, Asthma oder Herzkrankheiten verschlechtern. Vor allem bei chronisch kranken und älteren Menschen steigt das Risiko für Komplikationen.
Betroffen sein können auch Herz und Kreislauf. In einer Studie war eine laborbestätigte Influenza in den ersten sieben Tagen nach dem positiven Test mit einem ungefähr sechsfach erhöhten Risiko verbunden, wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus zu kommen. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jeder Mann mittleren Alters ein entsprechendes Risiko trägt.
Die Untersuchung zeigt aber, dass eine Influenza bei gefährdeten Menschen weit mehr bedeuten kann als Fieber und Gliederschmerzen.
Für Menschen mit bereits hohem Herz-Kreislauf-Risiko gibt es außerdem Daten aus randomisierten Studien, nach denen eine Influenza-Impfung schwere kardiovaskuläre Ereignisse verringern kann. Diese Ergebnisse stammen überwiegend von Patienten mit ischämischer Herzkrankheit, also Durchblutungsstörungen des Herzens, oder mit Herzinsuffizienz. Auf gesunde Menschen lassen sie sich nicht pauschal übertragen.

Vor dem 60. Geburtstag zählt die persönliche Indikation
Die entscheidende Grenze verläuft also nicht sauber zwischen Männern, die vorsorgen, und Männern, die eine Impfung ablehnen.
Unter 60 kommt es vor allem darauf an, ob bereits eine medizinische oder berufliche Impfempfehlung besteht. Ein Gespräch in der Hausarztpraxis kann helfen, das zu klären. Das gilt besonders, wenn chronische Erkrankungen vorliegen oder unklar ist, ob eine bestehende Diagnose zur Risikogruppe zählt.
Eine Influenza-Impfung verhindert allerdings nicht jede Infektion. Wie gut sie wirkt, hängt unter anderem von der jeweiligen Saison, den zirkulierenden Viren, dem Alter und individuellen Faktoren ab. Typische Impfreaktionen sind vorübergehende Schmerzen oder Schwellungen an der Einstichstelle, außerdem Müdigkeit sowie Kopf-, Muskel- oder Gliederschmerzen.
Schwere bleibende unerwünschte Wirkungen werden laut STIKO sehr selten beobachtet.
Fazit: Das Risiko beginnt nicht erst mit 60
Eine besondere Gruppe männlicher Impfverweigerer ab 40 lässt sich in den verfügbaren Daten nicht erkennen. Sichtbar wird eine andere Lücke. Chronische Erkrankungen können eine Grippeimpfung schon Jahre vor der allgemeinen Altersgrenze sinnvoll machen, und die STIKO empfiehlt sie in diesen Fällen auch.
Bei Männern mittleren Alters kommt hinzu, dass sie ambulante medizinische Leistungen seltener nutzen. Ob das ihre Impfquote gegen Influenza tatsächlich senkt, ist nicht ausreichend untersucht. Wichtiger als jedes Männerklischee bleibt deshalb eine ganz praktische Frage.
Besteht bei Ihnen schon vor dem 60. Geburtstag eine persönliche Indikation für die jährliche Grippeimpfung?
Häufig gestellte Fragen!
Nicht allein wegen des Alters. Für gesunde Menschen gilt die allgemeine STIKO-Empfehlung ab 60 Jahren. Unter 60 können bestimmte Erkrankungen, berufliche Risiken oder andere Indikationen entscheidend sein.
Die STIKO nennt unter anderem chronische Atemwegs-, Herz-Kreislauf-, Leber- und Nierenerkrankungen, Diabetes und andere Stoffwechselerkrankungen sowie bestimmte neurologische Erkrankungen und Immundefekte. Ob bei Ihnen persönlich eine Indikation besteht, lässt sich ärztlich klären.
Ältere deutsche Befragungsdaten zeigen bei den unter 60-Jährigen etwas niedrigere Quoten bei Männern. Aktuelle, belastbare Daten speziell für Männer zwischen 40 und 59 Jahren, die auch ihren Risikostatus berücksichtigen, fehlen jedoch.
Nein. Wie gut sie schützt, hängt unter anderem von der Saison, den zirkulierenden Viren und individuellen Faktoren ab.
Die inaktivierten Influenza-Impfstoffe, die die STIKO für Erwachsene empfiehlt, enthalten keine vermehrungsfähigen Influenzaviren. Eine Influenza können sie deshalb nicht auslösen. Möglich sind vorübergehende Impfreaktionen wie Schmerzen an der Einstichstelle oder Müdigkeit.
