47 Prozent: So viele Frauen gaben in einer großen US-Befragung an, pro Zyklus mindestens eine Pille zu vergessen, gut jede fünfte sogar zwei oder mehr. Einnahmefehler sind also Alltag. Dass sie im Herbst besonders häufig passieren, belegt allerdings keine Studie. Plausibel ist nur, dass der abrupte Wechsel vom Urlaubs- in den Arbeitsrhythmus die gewohnte Einnahme aus dem Takt bringen kann.
Was dann zu tun ist, hängt vor allem davon ab, welche Pille Sie nehmen und wie viel Zeit vergangen ist. Vier typische Situationen zeigen, worauf es ankommt.
Situation 1: Die Pille liegt am nächsten Morgen noch im Blister
Gestern Abend ist die Kombipille untergegangen, irgendwo zwischen Wäschebergen und halb ausgepacktem Koffer. Heute früh beim Zähneputzen sehen Sie die Tablette noch im Blister.
Wie würden Sie reagieren?
- Die vergessene Pille sofort nachnehmen
- Bis zur nächsten regulären Einnahme warten
- Vorsorglich eine Woche lang zusätzlich mit Kondom verhüten
Nachnehmen ist auf jeden Fall richtig, auch wenn Sie dann zwei Tabletten an einem Tag schlucken. Beim zusätzlichen Schutz gehen die Empfehlungen allerdings auseinander. Die US-Gesundheitsbehörde CDC hält eine einzelne vergessene Kombipille bis 48 Stunden nach der geplanten Einnahme für unkritisch.
In Deutschland gilt dagegen für die meisten Präparate: Wer mehr als zwölf Stunden zu spät dran ist, kann sich nicht mehr voll auf den Schutz verlassen, nur Pillen mit dem Wirkstoff Nomegestrol erlauben 24 Stunden.
Ob Sie dann zusätzlich verhüten müssen, hängt davon ab, in welcher Einnahmewoche der Fehler passiert ist. Maßgeblich ist die Packungsbeilage Ihres Präparats. Schneller geht es mit dem Online-Test „Pille vergessen, was tun?“ auf familienplanung.de, dem Portal des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG).

Situation 2: Zwei Tabletten fehlen, und am Wochenende gab es Sex
Montag war der Kopf noch im Urlaub, Dienstag auch. Am Mittwoch fallen Ihnen zwei volle Fächer im Blister auf, beide mit wirkstoffhaltigen Tabletten, und es ist die erste Woche nach der Einnahmepause. Am Wochenende davor hatten Sie Sex ohne Kondom.
Was ist jetzt der richtige Schritt?
- Beide vergessenen Tabletten auf einmal nehmen
- Nur die zuletzt vergessene nachnehmen und normal weitermachen
- Zusätzlich klären, ob die Pille danach infrage kommt
Hier wird es ernst. Die CDC rät, nur die zuletzt vergessene Tablette nachzunehmen und die ältere auszulassen. Bis Sie wieder sieben wirkstoffhaltige Pillen in Folge korrekt genommen haben, brauchen Sie zusätzlichen Schutz, etwa durch Kondome.
Besonders heikel ist die erste Woche nach der Einnahmepause, weil sich die hormonfreie Phase dadurch verlängert. Fehlen genau dort Pillen und gab es in den fünf Tagen davor ungeschützten Sex, empfiehlt die CDC, eine Notfallverhütung zu erwägen.
Richtig sind in diesem Fall also die zweite und die dritte Antwort. Die Pille danach wirkt umso zuverlässiger, je früher Sie sie nehmen, und in der Apotheke bekommen Sie sie ohne Rezept.
Situation 3: Bei der Minipille entscheidet der Wirkstoff
21 Uhr, Feierabend auf dem Sofa, und plötzlich fällt es Ihnen ein: Die Minipille vom Morgen liegt noch im Bad. Auf der Packung steht Desogestrel.
Worauf verlassen Sie sich jetzt?
- Auf den Rat der Freundin, die ebenfalls eine Minipille nimmt
- Auf den Wirkstoff und das erlaubte Zeitfenster
„Minipille“ ist ein Sammelbegriff für Pillen, die nur ein Gestagen enthalten, und diese Pillen unterscheiden sich deutlich. Laut BIÖG dürfen Präparate mit Levonorgestrel höchstens drei Stunden zu spät genommen werden, solche mit Desogestrel zwölf Stunden und solche mit Drospirenon 24 Stunden. Der Tipp der Freundin kann für Ihr Präparat also schlicht falsch sein.
War Ihre Desogestrel-Pille um 9 Uhr fällig, stehen Sie um 21 Uhr genau an der Grenze, mit Levonorgestrel wären Sie längst darüber. Ist das Zeitfenster überschritten, nehmen Sie die vergessene Tablette sofort nach und verhüten nach Empfehlung des BIÖG in den folgenden sieben Tagen zusätzlich mit Kondom.
Gab es schon ungeschützten Sex, kann auch hier die Pille danach ein Thema sein.
Nicht verwechseln sollten Sie die Minipille mit der Mikropille. Mikropillen sind niedrig dosierte Kombipillen mit Östrogen und Gestagen, für sie gelten die Regeln aus den ersten beiden Situationen.
Situation 4: Der neue Tagesrhythmus bringt die Einnahme durcheinander
Im Urlaub lag der Blister neben der Zahnbürste. Zu Hause steckt er noch im Kulturbeutel, und morgens stehen plötzlich Brotdose und Laptop auf dem Tisch.
Welche Strategie hilft am ehesten?
- Sich auf das eigene Gedächtnis verlassen
- Einen täglichen Handywecker stellen
- Die Einnahme an eine feste Alltagshandlung koppeln
- Wecker und feste Handlung kombinieren
Eine feste Routine macht einen messbaren Unterschied. In der eingangs erwähnten US-Studie mit 943 Frauen vergaßen diejenigen ohne feste Einnahmegewohnheit 3,6-mal so häufig zwei oder mehr Pillen pro Zyklus wie Frauen mit Routine.
Das BIÖG nennt zudem Urlaubsreisen mit Zeitverschiebung als typischen Anlass für verspätete Einnahmen. Einen speziellen Herbsteffekt zeigen diese Daten nicht.
Bei Erinnerungen aufs Handy ist die Lage gemischt. In einer randomisierten Studie aus Boston brachten tägliche SMS-Erinnerungen keinen Vorteil, die Frauen vergaßen ähnlich viele Pillen wie ohne Nachricht. Eine europäische Studie mit knapp 500 Frauen fand dagegen weniger vergessene Pillen, wenn ein digitaler Pillenspender hörbar piepte, statt nur still zu blinken. Finanziert hat sie allerdings der Hersteller.
Am besten funktioniert deshalb oft die doppelte Absicherung, also die vierte Antwort: ein Alarm plus eine Handlung, die ohnehin jeden Tag stattfindet, etwa das Zähneputzen am Morgen. Der Blister gehört dann dorthin, wo die Zahnbürste steht, und nicht in den Kulturbeutel.
Diese Angaben brauchen Sie nach einem Einnahmefehler
Knapp die Hälfte der Pillennutzerinnen sucht nach einer vergessenen Tablette gar keine Information, zeigte eine Befragung aus den USA. Dabei reichen oft wenige Minuten, um die Lage einzuschätzen. Halten Sie dafür diese Punkte bereit:
- Name und Wirkstoff Ihrer Pille, dazu die Frage, ob es eine Kombi- oder eine Minipille ist
- die Anzahl der vergessenen wirkstoffhaltigen Tabletten
- die Stunden seit der geplanten Einnahme
- die Position im Blister, also erste, zweite oder dritte Einnahmewoche
- ungeschützter Sex in den vergangenen Tagen
Mit diesen Angaben kann Ihnen eine Apotheke oder gynäkologische Praxis schnell sagen, ob Sie zusätzlich verhüten oder eine Notfallverhütung erwägen sollten. Warten Sie damit vor allem dann nicht, wenn mehrere Tabletten fehlen.

Fazit: Präparat und Zeitpunkt bestimmen das weitere Vorgehen
Eine einzige Regel für alle vergessenen Pillen gibt es nicht. Wirkstoff, Verspätung und Einnahmewoche entscheiden, ob Nachnehmen genügt oder ob Sie zusätzlich verhüten müssen. Vorsicht bei US-Ratgebern: Sie beziehen sich oft auf die großzügigeren CDC-Fristen, während hierzulande für die meisten Kombipillen die 12-Stunden-Grenze aus der Packungsbeilage gilt.
Dass der Herbst die häufigste Zeit für Einnahmefehler wäre, lässt sich nicht belegen. Der Rhythmuswechsel nach dem Urlaub ist trotzdem ein guter Anlass, die eigene Routine neu festzuzurren, mit einem festen Platz für den Blister und einer Erinnerung, die Sie auch wirklich wahrnehmen.
Häufig gestellte Fragen!
Bei den meisten Kombipillen gilt in Deutschland eine Grenze von zwölf Stunden, bei Präparaten mit Nomegestrol 24 Stunden. Bei der Minipille sind es je nach Wirkstoff drei, zwölf oder 24 Stunden.
Nehmen Sie die Tablette sofort nach und machen Sie normal weiter. Ob Sie zusätzlich verhüten müssen, hängt bei der Kombipille von der Einnahmewoche ab, die Packungsbeilage oder der BIÖG-Test gibt hier Klarheit.
Nicht in jedem Fall. Bei mehreren fehlenden Kombipillen ist zusätzlicher Schutz nötig, bis wieder sieben Tabletten in Folge korrekt genommen wurden, bei einer überschrittenen Minipille rät das BIÖG zu sieben Tagen Kondom.
Vor allem dann, wenn Pillen in der ersten Woche nach der Einnahmepause fehlen und es in den Tagen davor ungeschützten Sex gab. Lassen Sie sich möglichst schnell in einer Apotheke beraten, denn je früher Sie die Pille danach nehmen, desto besser wirkt sie.
Sie kann helfen, garantiert aber nichts. Studien zu digitalen Erinnerungen sind uneinheitlich, am besten koppeln Sie den Alarm zusätzlich an eine feste tägliche Handlung.
