Die Nachbarin schwört seit Monaten darauf, ihr Schwager redet beim Grillabend nicht mehr von etwas anderem, und irgendwo zwischen Kaffeetasse und Frühstücksradio fragen Sie sich, ob an der Sache mit dem Earthing vielleicht doch etwas dran ist.
Fünf Minuten barfuß über taufeuchtes Gras, das klingt harmlos und angenehm zugleich. Besonders spannend wird es, wenn dabei die Rede von einem niedrigeren Blutdruck ist.
Die wissenschaftliche Basis dafür ist allerdings dünn, dünner als mancher Ratgeberartikel vermuten lässt, und für eine Behandlung reicht sie bislang nicht aus.
Was hinter der Behauptung mit dem sinkenden Blutdruck steckt
Grounding, manchmal auch Earthing genannt, meint den direkten Hautkontakt zum Erdboden, meist über die nackten Füße auf Rasen oder Erde. Die Idee dahinter: Die Erde trägt elektrische Eigenschaften, die sich angeblich auf körperliche Abläufe auswirken sollen.
Woher kommt diese Vorstellung eigentlich für den Blutdruck? Zitiert wird meist eine Untersuchung aus dem Jahr 2018, eine kleine Fallserie mit Menschen mit Bluthochdruck. Über mehrere Monate erdeten sich die Teilnehmenden täglich mindestens zehn Stunden lang, und tatsächlich sanken am Ende die gemessenen Werte (Elkin & Winter, 2018).
Klingt vielversprechend, ist es aber nur bedingt. Ohne Kontrollgruppe lässt sich schwer sagen, was den Effekt tatsächlich verursacht hat.
Vielleicht war es der Erdkontakt. Vielleicht auch einfach die Bewegung, die geänderte Tagesstruktur oder schlicht die besondere Aufmerksamkeit für den eigenen Körper während der Studie. Größere, gut kontrollierte Studien zu dieser Frage fehlen bis heute.
Barfuß über den Rasen zu gehen spricht nichts dagegen, wenn es Ihnen Freude macht. Nur als Blutdrucktherapie sollten Sie es nicht betrachten.

Der ruhige Moment im Garten wirkt, aber vermutlich anders als gedacht
Kühles Gras unter den Füßen, irgendwo zwitschert eine Amsel, das Handy bleibt drinnen liegen. Nach ein paar Minuten fühlen Sie sich spürbar entspannter. Braucht es dafür wirklich einen elektrischen Effekt der Erde?
Eher nicht. Beim Gang in den Garten passiert gleichzeitig einiges. Sie stehen auf, bewegen sich, unterbrechen kurz den gewohnten Ablauf des Morgens. Und ausgerechnet die Bewegung ist für die Herz-Kreislauf-Gesundheit ziemlich gut erforscht.
Die WHO nennt regelmäßige körperliche Aktivität ausdrücklich als eine Maßnahme zur Vorbeugung und Behandlung von Bluthochdruck, mit mindestens 150 Minuten moderater aerober Bewegung pro Woche für Erwachsene (World Health Organization, 2026).
Machen Sie also ruhig etwas mehr daraus. Fünf Minuten Barfußgehen über den Rasen, danach eine kleine Runde durch die Nachbarschaft, das bringt spürbar mehr Bewegung in Ihren Morgen als der Erdkontakt allein.
Verlässlicher als der Rasen: Ihre eigene Blutdruckmessung
Ein einziger niedriger Wert nach einem entspannten Morgen sagt wenig aus. Der Blutdruck schwankt über den Tag, er reagiert auf Bewegung, auf Stress, sogar auf die Messsituation selbst.
Wie kommen Sie an aussagekräftigere Zahlen? Messen Sie möglichst unter denselben Bedingungen, über mehrere Tage hinweg.
- Setzen Sie sich vor der Messung einige Minuten ruhig hin.
- Stellen Sie beide Füße flach auf den Boden.
- Legen Sie den Arm entspannt auf eine Unterlage.
- Messen Sie nach dem für Sie empfohlenen Schema.
- Notieren Sie die Werte mit Datum und Uhrzeit.
Ein 56-jähriger Mann berichtet etwa von einem Morgen im Garten, Wert 128 zu 78 mmHg, nachdem am Vorabend noch 147 zu 88 mmHg auf dem Display standen. Statt sofort auf Earthing zu schließen, notiert er eine Woche lang jeden Wert in eine kleine Tabelle auf dem Kühlschrank.
Genau dieser Verlauf über mehrere Tage ist für die ärztliche Einschätzung deutlich hilfreicher als ein einzelner guter Morgen.
Diese Maßnahmen wirken nachweislich auf Ihren Blutdruck
Was verdient mehr Aufmerksamkeit als der Gang übers Gras? Bei Bluthochdruck gibt es einige Lebensstilfaktoren mit deutlich solideren Daten im Rücken.
Die WHO empfiehlt unter anderem regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung. Auch eine hohe Salzaufnahme zu senken gehört zu den etablierten Maßnahmen (World Health Organization, 2025).
| Maßnahme | Evidenz für den Blutdruck |
| Earthing | Bislang unzureichend belegt |
| Regelmäßige Bewegung | Gut belegt |
| Weniger Salz bei hoher Aufnahme | Gut belegt |
| Gewichtsreduktion bei Übergewicht | Gut belegt |
| Verordnete Blutdruckmedikamente | Gut belegt |
Wo fangen Sie am besten an? Vielleicht beim Abendessen, mit einem prüfenden Blick auf die Salzstreuer-Hand. Oder mit einem kurzen Verdauungsspaziergang nach dem Essen.
Die WHO empfiehlt Erwachsenen weniger als 2000 Milligramm Natrium täglich, das entspricht ungefähr fünf Gramm Salz (World Health Organization Regional Office for Europe, 2024). Eine hohe Natriumzufuhr treibt den Blutdruck nach oben, das ist gut dokumentiert.
Warum die Tablette wegen eines guten Gartenmorgens nicht wandert
Eine Woche Barfußgehen, und der Blutdruck sieht besser aus. Darf die Dosis jetzt runter? Diese Entscheidung gehört ausschließlich in ärztliche Hände, so verlockend die Idee im Moment auch klingen mag.
Bluthochdruck verursacht oft über lange Zeit keine spürbaren Beschwerden, erhöht dabei aber das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erheblich. Nach Schätzung der WHO hatten 2024 weltweit etwa 1,4 Milliarden Erwachsene zwischen 30 und 79 Jahren Bluthochdruck (World Health Organization, 2025).
Setzen Sie ein verordnetes Medikament deshalb nicht wegen einzelner besserer Messwerte ab. Verändern Sie auch die Dosis nicht auf eigene Faust.
Nehmen Sie Ihre notierten Werte stattdessen zum nächsten Termin mit und besprechen Sie dort, was sich verändert hat.
Das gilt genauso, wenn Sie parallel neue Gewohnheiten ausprobieren möchten. Ein täglicher Gartenspaziergang passt wunderbar in den Alltag. Die Wirkung Ihrer eigentlichen Behandlung sollte dabei trotzdem nachvollziehbar bleiben, Schritt für Schritt, mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt zusammen.

Ein kleines Risiko, das leicht übersehen wird
Für die meisten Menschen ist ein kurzer Gang übers eigene Grundstück unproblematisch. Trotzdem lohnt vor dem ersten Schritt ein Blick nach unten. Liegt dort ein Glassplitter? Ein scharfer Stein, vielleicht ein Dorn vom letzten Rosenschnitt?
Besondere Vorsicht ist gefragt, wenn Verletzungen an den Füßen schlechter wahrgenommen werden oder schlechter heilen, etwa bei bestimmten Folgeerkrankungen eines Diabetes.
Auch nasses Gras braucht keinen zusätzlichen Gesundheitsbonus, damit sich der Moment lohnt. Wählen Sie einfach eine saubere Fläche und werfen Sie hinterher einen kurzen Blick auf die Fußsohlen.
Und wenn Ihnen beim Aufstehen oder Gehen schwindelig wird? Setzen Sie sich hin, messen Sie den Blutdruck, sofern das zu Ihrem ärztlich abgestimmten Vorgehen gehört. Wiederkehrenden Schwindel sollten Sie in jedem Fall ansprechen, nicht einfach abwarten.
Fazit: Der Rasen darf guttun, die Therapie bleibt bei Ihrer Ärztin
Ein paar barfüßige Minuten im feuchten Spätsommergras können angenehm sein, manchmal sogar ein kleiner Ruhepunkt im Tag. Für die Behauptung, Earthing senke zuverlässig den Blutdruck, fehlt bislang überzeugende wissenschaftliche Grundlage.
Bringt der Gartenmoment Sie öfter nach draußen und motiviert nebenbei zu einem Spaziergang, ist damit trotzdem viel gewonnen. Regelmäßige Bewegung zählt zu den am besten belegten Maßnahmen gegen Bluthochdruck.
Behalten Sie dabei Ihre Werte im Blick und Ihre verordnete Behandlung ebenso. Der Rasen kann ein schöner Start in den Tag sein. Die eigentliche Therapie ersetzt er nicht, und das muss er auch nicht.
Häufig gestellte Fragen!
Eine kleine Fallserie aus dem Jahr 2018 berichtete über sinkende Werte bei Menschen, die regelmäßig erdeten. Wegen des Studiendesigns lässt sich daraus keine verlässliche Wirksamkeit ableiten.
Für Barfußlaufen selbst ist keine eigenständige blutdrucksenkende Wirkung ausreichend belegt. Entsteht daraus mehr regelmäßige Bewegung, unterstützt das jedoch einen blutdruckfreundlichen Lebensstil.
Für die vielen gesundheitlichen Wirkungen, die Earthing zugeschrieben werden, fehlt bislang belastbare klinische Evidenz. Ein entspannter Moment im Freien kann trotzdem zum persönlichen Wohlbefinden beitragen.
Gut belegt sind regelmäßige körperliche Aktivität und eine ausgewogene Ernährung mit begrenzter Salzaufnahme. Je nach individueller Situation können weitere Anpassungen sinnvoll sein.
Ändern oder beenden Sie eine verordnete Blutdrucktherapie nicht auf eigene Faust. Besprechen Sie dauerhaft niedrigere oder veränderte Werte immer mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem Arzt.
