Einmal im Jahr liegt die Idee ganz ohne App und Coachingprogramm auf dem Tisch. An Erntedank geht es darum wahrzunehmen, was da ist und was andere dazu beigetragen haben.
Eine ganze Dankbarkeitsindustrie verspricht inzwischen mehr, nämlich weniger Stress, niedrigeres Cortisol, besseren Schlaf, vielleicht sogar ein längeres Leben. Die Forschung gibt der alten Idee tatsächlich etwas Rückenwind.
Der Effekt fällt allerdings deutlich bescheidener aus als manches Gesundheitsversprechen.
Dankbarkeit wirkt tatsächlich, nur ein bisschen
Dankbarkeit passt in keine Tablette. Deshalb untersuchen Studien konkrete Übungen. Die Teilnehmenden schreiben regelmäßig auf, wofür sie dankbar sind, erinnern sich an „drei gute Dinge“ oder verfassen einen Dankbarkeitsbrief.
Eine große, vorab registrierte Metaanalyse zu solchen Übungen erschien 2025. Sie fasst die Ergebnisse vieler Studien zusammen und wertete 145 Publikationen mit zusammen 24.804 Teilnehmenden aus 28 Ländern aus.
Menschen, die Dankbarkeitsübungen machten, berichteten anschließend im Durchschnitt über ein etwas höheres Wohlbefinden. Die Effektstärke lag bei Hedges‘ g = 0,19.
Das klingt abstrakt, entscheidend ist aber die Größenordnung. Der Unterschied war statistisch zuverlässig, im Durchschnitt jedoch klein. Eine Dankbarkeitsübung verändert das Leben also nicht zwangsläufig spürbar. Manche Menschen können profitieren, andere kaum, einige möglicherweise gar nicht.
Ein Teil der Wirkung könnte gar nicht spezifisch mit Dankbarkeit zusammenhängen
Interessant wird es, wenn Forschende Dankbarkeitsübungen mit anderen Aktivitäten vergleichen.
Eine frühere Metaanalyse fand gegenüber Vergleichsgruppen mit ähnlichem Zeit- und Aktivitätsaufwand nur einen kleinen Vorteil für das psychische Wohlbefinden. Gegenüber anderen psychologisch aktiven Übungen blieb kein Vorteil mehr übrig.
Dafür kommen mehrere Erklärungen infrage. Schon das regelmäßige Innehalten, Schreiben und Nachdenken über das eigene Leben könnte helfen. Auch Erwartungen können die Ergebnisse beeinflussen, denn bei psychologischen Übungen wissen die Teilnehmenden in der Regel, was sie tun.
Wertlos wird der gemessene Wohlbefindenseffekt dadurch nicht. Die Behauptung, Dankbarkeit selbst sei der entscheidende Wirkstoff, lässt sich damit aber nur eingeschränkt halten.

Auch bei Angst und depressiven Symptomen gibt es vorsichtige Hinweise
Eine systematische Übersichtsarbeit zu 64 Studien fand Hinweise auf geringere Angst- und depressive Symptome nach Dankbarkeitsübungen.
Die Aussagekraft bleibt allerdings begrenzt. Die Studien unterschieden sich erheblich, viele wiesen methodische Schwächen auf, die das Ergebnis verzerren können. Die Sicherheit der Evidenz wurde für die ausgewerteten Endpunkte als niedrig eingestuft.
Dankbarkeitsübungen sind deshalb keine Behandlung einer Depression oder Angststörung. Gerade bei schweren Belastungen kann die Aufforderung, sich auf das Positive zu konzentrieren, zusätzlich unter Druck setzen.
Als freiwillige Selbstfürsorge kann eine solche Übung ihren Platz haben. Eine psychotherapeutische oder medizinische Behandlung ersetzt sie nicht.
Senkt Dankbarkeit das Stresshormon Cortisol?
Hier wird aus einem kleinen psychologischen Effekt häufig eine große körperliche Geschichte. Cortisol gilt dabei schlicht als „Stresshormon“. Wer weniger Stress empfindet, müsste demnach weniger davon haben und dadurch gesünder werden.
So einfach funktioniert der Körper nicht.
Cortisol ist lebenswichtig und folgt einem ausgeprägten Tagesrhythmus. Die Konzentration verändert sich unter anderem durch Schlaf, körperliche Aktivität, Infekte, Schmerzen, Medikamente und Schwangerschaft. Ein einzelner niedrigerer Wert ist deshalb kein allgemeiner Gesundheitsbeweis.
Eine kleine randomisierte Pilotstudie mit 46 Schwangeren prüfte ein Programm aus Dankbarkeit und Achtsamkeit, unter anderem mit Blick auf Cortisol. Die Teilnehmerinnen waren dabei zufällig auf Programm- und Kontrollgruppe verteilt worden.
Die Frauen der Interventionsgruppe berichteten danach weniger Stress als die Kontrollgruppe, bei anderen Wohlbefindensmaßen zeigte sich kein statistisch gesicherter Unterschied. Aussagekräftig ist das kaum, denn die Stichprobe war klein, und das Programm kombinierte Dankbarkeit mit Achtsamkeit.
Die größere Gesamtschau fällt ernüchternd aus. Eine 2025 veröffentlichte Metaanalyse untersuchte 25 randomisierte Studien mit 1.641 Erwachsenen. Die Programme umfassten unterschiedliche positive psychologische Übungen, darunter Dankbarkeit, Optimismus, Naturerleben und Freundlichkeitsübungen. Für Cortisol zeigte sich insgesamt kein statistisch signifikanter Effekt. Der Unterschied ließ sich also nicht verlässlich vom Zufall abgrenzen.
Und was ist mit Entzündungen und körperlicher Gesundheit?
Auch hier gibt es interessante Signale. In derselben Metaanalyse zeigte sich bei entzündlichen Biomarkern, also messbaren Entzündungswerten, ein statistisch signifikanter, aber sehr uneinheitlicher Effekt. Dabei wurden sehr unterschiedliche positive psychologische Übungen und verschiedene Marker zusammengefasst.
Daraus lässt sich kein Nachweis ableiten, dass ein Dankbarkeitstagebuch Entzündungen senkt.
Noch größer ist die Wissenslücke bei den wirklich wichtigen medizinischen Folgen. Belastbare Belege dafür, dass Dankbarkeitsübungen Herzinfarkte, Schlaganfälle, Krebs oder Demenz verhindern, gibt es nicht.
Leben dankbare Menschen vielleicht länger?
Eine Zahl lädt besonders zu einer spektakulären Schlagzeile ein.
Eine US-amerikanische Studie begleitete 49.275 ältere Pflegefachpersonen. Alle waren Frauen, im Schnitt 79 Jahre alt. Im Beobachtungszeitraum starben 4.608 von ihnen.
Frauen im höchsten Drittel der gemessenen Dankbarkeit hatten nach statistischer Anpassung für andere Einflussfaktoren eine um neun Prozent niedrigere Sterberate als Frauen im niedrigsten Drittel.
Das ist bemerkenswert, beantwortet die entscheidende Frage aber nicht. War ihre Dankbarkeit die Ursache?
Es handelte sich um eine Beobachtungsstudie. Die Forscher teilten niemanden zufällig einer dankbareren oder weniger dankbaren Lebensweise zu. Menschen mit hoher Dankbarkeit können sich zum Beispiel in sozialen Beziehungen, Persönlichkeit, Lebensumständen, Gesundheitsverhalten oder Ausgangsgesundheit von anderen unterscheiden.
Aus den Daten folgt daher keine Anleitung zur Lebensverlängerung.

Ein Zwei-Wochen-Versuch reicht für den Anfang
Was bleibt, wenn die großen Gesundheitsversprechen wegfallen? Eine ziemlich einfache Übung mit einem kleinen, aber gut belegten durchschnittlichen Nutzen für das Wohlbefinden.
Wer sie ausprobieren möchte, braucht dafür wenig:
- Notieren Sie an mehreren Tagen pro Woche zwei oder drei konkrete Dinge, die Sie wertschätzen.
- Bleiben Sie möglichst konkret. „Meine Nachbarin hat heute mein Paket angenommen“ ist greifbarer als „Ich bin dankbar für andere Menschen“.
- Schreiben Sie kurz auf, warum Ihnen die Situation etwas bedeutet hat.
- Beobachten Sie zwei Wochen lang, wie Sie die Übung erleben.
- Wenn sie Ihnen nichts bringt oder sich belastend anfühlt, lassen Sie sie wieder sein.
Gerade zu Erntedank passt dieser nüchterne Selbstversuch erstaunlich gut. Dankbarkeit muss dafür weder Gesundheitsstrategie noch Pflicht zum positiven Denken werden.
Fazit: Dankbarkeit kann guttun, ohne ein Gesundheitswunder zu sein
Nach der besten verfügbaren Evidenz können Dankbarkeitsübungen das subjektive Wohlbefinden im Durchschnitt leicht verbessern. Die Hinweise auf geringere Angst- und depressive Symptome sind weniger sicher.
Für eine verlässliche Senkung von Cortisol oder einen Schutz vor körperlichen Erkrankungen reichen die Daten dagegen nicht. Auch die beobachtete niedrigere Sterblichkeit besonders dankbarer älterer Frauen beweist keine lebensverlängernde Wirkung.
Für Erntedank ist das vielleicht sogar die passendere Botschaft. Dankbarkeit braucht keinen medizinischen Zusatznutzen, um einen Wert zu haben.
Häufig gestellte Fragen!
Studien setzen verschiedene Übungen ein, darunter Dankbarkeitstagebücher, „drei gute Dinge“ und Dankbarkeitsbriefe. Im Durchschnitt können solche Übungen das subjektive Wohlbefinden geringfügig verbessern.
Das ist derzeit nicht zuverlässig belegt. Eine aktuelle Metaanalyse positiver psychologischer Übungen fand für Cortisol insgesamt keinen statistisch signifikanten Effekt.
Es gibt Hinweise auf geringere depressive Symptome, die Sicherheit der Evidenz ist jedoch niedrig. Eine fachgerechte Behandlung einer Depression ersetzt ein Dankbarkeitstagebuch nicht.
Für wichtige körperliche Gesundheitsfolgen fehlen belastbare Nachweise. Vor allem lässt sich derzeit nicht sagen, dass Dankbarkeitsübungen Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder andere schwere Krankheiten verhindern.
Notieren Sie an mehreren Tagen pro Woche einige wenige konkrete Erlebnisse oder Dinge, die Sie wertschätzen, und halten Sie fest, warum sie Ihnen wichtig waren. Nach einigen Wochen können Sie prüfen, ob Ihnen diese Form der Selbstreflexion tatsächlich guttut.
