„Und? Fühlt sich das jetzt anders an, 75 zu sein?“
Der Mann am Tisch schaut kurz auf, als hätte ihn jemand nach einer Gegend gefragt, in der er noch nie war. „Keine Ahnung. Ich war noch nie 75.“
Vielleicht nimmt er morgens zwei Medikamente. Vielleicht hört er nicht mehr jedes Wort, und die Treppe geht langsamer als früher. Trotzdem trifft er Freunde, kümmert sich um die Enkel und hat Pläne für nächste Woche.
Ist dieser Mann erfolgreich gealtert? Selbst die Wissenschaft tut sich mit einer eindeutigen Antwort erstaunlich schwer.
Die Wissenschaft hat ein Problem mit dem Wort „erfolgreich“
Lange prägte ein Modell der US-Forscher John Rowe und Robert Kahn die Vorstellung vom „Successful Aging“. Drei Dinge sollten zusammenkommen: eine geringe Wahrscheinlichkeit von Krankheit und Behinderung, eine hohe körperliche und geistige Funktionsfähigkeit und eine aktive Teilhabe am Leben.
Das klingt plausibel. Schwierig wird es, sobald diese Kriterien auf echte Menschen treffen.
In einer Analyse von US-Amerikanern ab 65 Jahren erfüllten zu keinem der untersuchten Zeitpunkte mehr als 11,9 Prozent die Kriterien. Andere Forschende werteten große Studien aus und stießen dabei auf 29 verschiedene Definitionen erfolgreichen Alterns. Je nachdem, welche davon verwendet wurde, galten zwischen 0,4 und 95 Prozent der Untersuchten als „erfolgreich“ alternd.
Mit der einen Definition gehören also fast alle zu den Gewinnern. Mit der anderen fällt beinahe jeder durch.

92 Prozent sagen Ja, nur 5 Prozent erfüllen die Kriterien
Besonders anschaulich zeigt sich das Problem in einer älteren US-Untersuchung. 92 Prozent der Befragten hielten ihr eigenes Altern für erfolgreich. Alle klassischen Kriterien nach Rowe und Kahn erfüllten dagegen nur 5 Prozent.
Die Zahlen stammen aus einer kleinen regionalen Stichprobe und lassen sich nicht auf Deutschland übertragen. Interessant ist der Widerspruch trotzdem. Offenbar können Menschen ihr Leben als gelungen empfinden, obwohl wissenschaftliche Kriterien ihnen dieses Urteil verweigern würden.
In deutschen Daten lässt sich zumindest ein ähnliches Nebeneinander beobachten. In der RKI-Studie Gesundheit 65+ hatten 69,2 Prozent der Befragten mindestens zwei Erkrankungen. Gleichzeitig berichteten 78,5 Prozent von einer hohen oder sehr hohen Lebenszufriedenheit.
Ob dieselben Personen mehrfach erkrankt und zugleich sehr zufrieden waren, verraten die beiden Zahlen nicht. Sie zeigen aber, dass Mehrfacherkrankungen und hohe Lebenszufriedenheit in einer älteren Bevölkerung gleichzeitig weit verbreitet sein können.
Gut altern trotz Krankheit?
„Aber gesund bin ich doch nicht.“
„Vielleicht ist das auch nicht die entscheidende Frage.“
Genau in diese Richtung hat sich die wissenschaftliche Vorstellung vom Altern weiterentwickelt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von „Healthy Ageing“ und stellt die Funktionsfähigkeit in den Mittelpunkt.
Gemeint ist zum Beispiel, ob jemand mobil bleibt, denken, sehen, hören und sich erinnern kann. Ebenso zählt, wie die eigenen Fähigkeiten mit der Umwelt zusammenspielen. Eine passende Wohnung, Hilfsmittel oder eine gute medizinische Versorgung können beeinflussen, was jemand im Alltag weiterhin tun kann.
In diesem Verständnis schließt eine chronische Erkrankung gesundes Altern nicht automatisch aus.
Das verschiebt den Blick beträchtlich. Die Frage ist dann weniger, ob ein 75-Jähriger noch genauso gesund und leistungsfähig ist wie vor Jahrzehnten. Interessanter wird, ob er sein Leben weiterhin so führen kann, wie es ihm wichtig ist.
Und dann kommt die Longevity-Industrie
Während die Altersforschung noch darüber diskutiert, was gutes Altern überhaupt bedeutet, verspricht der Longevity-Markt längst Messbarkeit und Optimierung.
NAD⁺-Vorstufen sollen biologische Prozesse beeinflussen. Rapamycin und Metformin werden als mögliche Geroprotektoren erforscht, also als Wirkstoffe, die das Altern verlangsamen sollen. Senolytika sollen alternde Zellen ins Visier nehmen. Und epigenetische Tests versprechen eine Zahl für das „biologische Alter“.
Bedeutungslos ist die Forschung dahinter keineswegs. Für die großen Versprechen fehlt allerdings ein entscheidender Schritt.
Ein systematisches Review aus dem Jahr 2026 fand bei NAD⁺-Vorstufen zwar erhöhte Blutspiegel. Bei funktionellen und klinischen Endpunkten, also bei messbaren Auswirkungen auf Körperfunktionen und Gesundheit, waren die Ergebnisse jedoch uneinheitlich und häufig ohne Effekt. Eine kleine randomisierte Rapamycin-Studie verfehlte ihr Hauptziel, den sogenannten primären Endpunkt. Die TAME-Studie zu Metformin läuft noch, und Senolytika befinden sich bislang in frühen klinischen Untersuchungen.
Auch epigenetische Alterstests sind für individuelle Gesundheitsentscheidungen nicht ausreichend validiert. Die Messungen können erheblich schwanken, und klinisch etablierte Grenzwerte fehlen.
Was Longevity-Forschung beim Menschen bisher zeigen kann
| Ansatz | Stand der Evidenz |
| NAD⁺-Vorstufen | Biologische Effekte messbar, klinischer Anti-Aging-Nutzen bislang unklar |
| Rapamycin | Wird erforscht, bisher kein Nachweis eines klinischen Anti-Aging-Nutzens für Gesunde |
| Metformin | Große TAME-Studie läuft, Ergebnisse stehen aus |
| Senolytika | Frühe klinische Forschung, kein belegter klinischer Nutzen gegen das Altern |
| Epigenetische Alterstests | Forschungsinstrumente, für individuelle Entscheidungen nicht ausreichend validiert |
„Nicht bewiesen“ heißt dabei nicht „widerlegt“. Die Longevity-Forschung untersucht reale biologische Alterungsprozesse und mögliche Eingriffe in diese Prozesse. Bislang gibt es für die genannten Substanzen jedoch keine randomisierten Studien, die bei gesunden älteren Menschen einen Nutzen bei entscheidenden Endpunkten wie Lebensdauer, Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität) oder Pflegebedürftigkeit nachweisen.
Die langweiligeren Dinge haben die bessere Datenlage
Wer jetzt eine wissenschaftlich abgesicherte Ersatzformel für erfolgreiches Altern erwartet, wird ebenfalls enttäuscht.
Nichtrauchen und körperliche Aktivität gehören zu den etablierten Präventionsmaßnahmen. Die WHO empfiehlt Menschen ab 65 Jahren pro Woche 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung. Hinzu kommt an mindestens drei Tagen ein Training, das unter anderem Kraft und Gleichgewicht fördert.
Auch starke soziale Beziehungen gehen in Beobachtungsstudien mit einem besseren Überleben einher. Eine große Metaanalyse mit mehr als 300.000 Menschen fand bei stärkeren sozialen Beziehungen eine um 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit.
Doch auch solche Zahlen brauchen Grenzen. Ein großer Teil der Forschung zu Lebensstil und Langlebigkeit ist beobachtend. Es kann zum Beispiel sein, dass gesündere Menschen schlicht eher in der Lage sind, sich viel zu bewegen und soziale Kontakte zu pflegen. Aus einem statistischen Zusammenhang wird deshalb noch keine persönliche Garantie auf zusätzliche Lebensjahre.
Wie gut wir altern, entscheidet sich nicht nur im Fitnessstudio
Noch problematischer wird die Erzählung, wenn gutes Altern ganz zur persönlichen Leistung erklärt wird.
In älteren deutschen Daten betrug der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen der niedrigsten und der höchsten Einkommensgruppe bei Männern 8,6 Jahre, bei Frauen 4,4 Jahre. Auch zwischen den Regionen gibt es Unterschiede. Männer in Baden-Württemberg hatten im Zeitraum 2023 bis 2025 eine Lebenserwartung von 80,3 Jahren, Männer in Sachsen-Anhalt von 76,4 Jahren.
Mit einem Supplement oder einem Schrittziel lassen sich solche Unterschiede nicht erklären. Einkommen, Lebensbedingungen, Prävention, medizinische Versorgung und gesellschaftliche Teilhabe gehören ebenso zur Geschichte des Alterns.
Deshalb greift auch der Satz „Sie haben Ihr Altern selbst in der Hand“ wissenschaftlich zu weit. Das eigene Verhalten spielt eine Rolle. Es spielt nur nicht allein.

Ein langes Leben ist noch kein gutes Leben
Deutschland erreicht inzwischen neue Höchststände bei der Lebenserwartung. 2025 lag sie für Frauen bei 83,6 und für Männer bei 79,1 Jahren.
Wie diese Jahre erlebt werden, verraten die Zahlen allerdings nicht. Daten zu gesunden Lebensjahren werden mit anderen Methoden erhoben. Sie dürfen deshalb nicht einfach von der Lebenserwartung abgezogen werden, um vermeintlich „kranke Jahre“ auszurechnen.
Vielleicht liegt genau hier der blinde Fleck mancher Longevity-Debatte. Sie macht aus dem Alter eine Zahl, die optimiert werden soll. Die Gerontologie, also die Altersforschung, stößt dagegen immer wieder auf Menschen, deren Leben sich solchen einfachen Maßstäben entzieht.
Zurück zu unserem 75-Jährigen vom Anfang. Vielleicht nimmt er tatsächlich Medikamente. Vielleicht hört er schlechter, und die Treppe geht inzwischen langsam.
Aber morgen trifft er einen Freund. Am Wochenende kommt die Familie. Und für den Sommer hat er etwas vor.
Ob die Wissenschaft dieses Leben „erfolgreich“ nennen sollte, ist am Ende auch eine Wertfrage.
Fazit: Gutes Altern passt nicht in eine einzige Kennzahl
Die Forschung kennt keine allgemein akzeptierte Formel für erfolgreiches Altern. Krankheitsfreiheit und körperliche Leistungsfähigkeit erfassen nur einen Teil dessen, was ein gutes späteres Leben ausmachen kann. Das heutige WHO-Konzept richtet den Blick deshalb stärker auf Funktionsfähigkeit, Wohlbefinden und die Bedingungen, unter denen Menschen leben.
Klassische Prävention bleibt wichtig. Für Bewegung, Nichtrauchen und soziale Teilhabe ist die Evidenz deutlich solider als für viele kommerzielle Longevity-Angebote. Eine Garantie auf ein gesundes oder langes Leben liefern aber auch sie nicht.
Hilfreicher als „Wie kann ich erfolgreich altern?“ ist deshalb vielleicht eine andere Frage. Was möchte ich auch im höheren Alter noch tun können, und was erhöht meine Chancen darauf?
Häufig gestellte Fragen!
Eine allgemein akzeptierte wissenschaftliche Definition gibt es nicht. Ältere Modelle betonten Krankheitsfreiheit, Leistungsfähigkeit und Aktivität. Neuere Konzepte achten stärker auf Funktionsfähigkeit und Wohlbefinden.
Im WHO-Konzept des Healthy Ageing schließen Erkrankungen gesundes Altern nicht grundsätzlich aus. Entscheidend ist unter anderem, welche Fähigkeiten erhalten bleiben und was ein Mensch in seiner Umgebung weiterhin tun kann.
Kommerzielle epigenetische Alterstests sind derzeit nicht ausreichend validiert, um darauf individuelle medizinische Entscheidungen zu stützen. Die Ergebnisse können schwanken, und etablierte klinische Grenzwerte fehlen.
Substanzen wie Rapamycin, Metformin und Senolytika werden wissenschaftlich untersucht. Für gesunde ältere Menschen fehlt bislang aber der Nachweis, dass sie klinisch relevante Endpunkte wie Lebensdauer oder Pflegebedürftigkeit verbessern.
Zur etablierten Prävention gehören unter anderem Nichtrauchen und regelmäßige Bewegung, einschließlich Kraft- und Gleichgewichtstraining. Auch soziale Teilhabe hängt mit Gesundheit und Langlebigkeit zusammen. Viele dieser Zusammenhänge stammen allerdings aus Beobachtungsstudien.
