Sie stehen vor einem spektakulären Sonnenuntergang und greifen fast automatisch zum Smartphone.
Erst ein Foto, dann noch eines im Hochformat und sicherheitshalber eine Aufnahme ohne die Menschen am Bildrand. Am Weltfotografietag am 19. August passt die Frage besonders gut, ob wir Erlebnisse manchmal so intensiv dokumentieren, dass wir sie weniger aufmerksam erleben.
Tatsächlich zeigt die Gedächtnisforschung, dass Fotografieren unsere Erinnerung verändern kann, allerdings deutlich differenzierter, als die einfache Warnung vor dem Smartphone vermuten lässt.
Warum ständiges Fotografieren die Erinnerung verändern kann
Kann ein Foto dazu führen, dass Sie sich später schlechter an einen Moment erinnern? Einen bekannten Hinweis darauf lieferte die Psychologin Linda Henkel. Versuchspersonen betrachteten Kunstobjekte in einem Museum und sollten einige fotografieren, andere lediglich ansehen.
Am nächsten Tag erinnerten sie sich an bestimmte fotografierte Objekte und deren Details schlechter. Henkel bezeichnete das als Photo-Taking-Impairment-Effect. Die Untersuchung stammt aus dem Jahr 2014 und ist damit älter, bleibt für diese Forschungsfrage jedoch ein grundlegendes Experiment.
Die mögliche Erklärung klingt vertraut. Sobald das Bild gespeichert ist, kann sich die Aufmerksamkeit verschieben. Sie schauen kurz auf den Bildschirm, kontrollieren den Ausschnitt und stecken das Smartphone wieder ein.
Daraus folgt allerdings keine Regel, dass Fotografieren grundsätzlich das Gedächtnis verschlechtert. Spätere Forschung zeichnet ein wesentlich komplizierteres Bild.

Wann hilft Fotografieren sogar beim Erinnern?
Fotografieren kann die Aufmerksamkeit auch stärker auf visuelle Details lenken. Was entscheidet also über den Effekt? Unter anderem offenbar die Art, wie Sie fotografieren.
Eine Reihe von Experimenten zeigte, dass Fotografieren die visuelle Erinnerung an Erlebnisse verbessern kann, obwohl sich die Erinnerung an nicht visuelle Informationen teilweise verschlechterte. Die Forschenden erklärten dies mit einer stärkeren visuellen Aufmerksamkeit während des Fotografierens.
Eine spätere Untersuchung zu diesem Thema kam allerdings zu einem nüchterneren Ergebnis. Sie testete, ob Fotos je nach Testart unterschiedlich wirken, fand jedoch in allen vier Experimenten ein schlechteres Erinnern an fotografierte Objekte, unabhängig davon, ob visuelle Details oder Konzepte abgefragt wurden.
Entscheidend scheint damit weniger die Kamera selbst zu sein als die Aufmerksamkeit, die Sie einem Motiv schenken, und die Art des Gedächtnistests, um den es geht.
Ein bewusst ausgewähltes Bild vom kleinen Straßencafé kann deshalb etwas anderes sein als zwanzig nahezu identische Aufnahmen. Schauen Sie vor dem Auslösen einen Moment ohne Display hin. Was fällt Ihnen zuerst auf? Vielleicht das Klappern der Tassen oder der Schatten der Markise auf dem Tisch.
Sie erleben den Urlaub anders, wenn das Display mitentscheidet
Fotos haben im Urlaub eine wichtige Funktion. Sie bewahren Gesichter, Landschaften und kleine Situationen, die später leicht verschwimmen. Problematisch wird es eher, wenn das Dokumentieren die Aufmerksamkeit ständig unterbricht.
Wie merken Sie das? Vielleicht betrachten Sie die Aussicht zuerst durch den Bildschirm. Oder Sie überlegen bereits beim Essen, welches Foto später geteilt werden könnte.
Eine Studie zeigte, dass Fotografieren die Beschäftigung mit einem Erlebnis sogar steigern und positive Erfahrungen angenehmer machen kann. Bei unangenehmen Erfahrungen konnte die stärkere Beteiligung allerdings auch deren negative Wirkung verstärken.
Die Forschung widerspricht damit der Vorstellung, dass weniger Fotos automatisch bessere Erinnerungen erzeugen.
| Ihr Fotomoment | Eine mögliche Alternative |
| Zehn ähnliche Aufnahmen | Ein Motiv bewusst auswählen |
| Sofort das Bild kontrollieren | Erst einige Sekunden weitersehen |
| Während eines Gesprächs fotografieren | Das Smartphone kurz liegen lassen |
| Jedes Gericht dokumentieren | Nur besondere Situationen aufnehmen |
So fotografieren Sie bewusster und bleiben im Moment
Wie lässt sich beides verbinden? Sie müssen das Smartphone im Urlaub keineswegs im Hotelzimmer lassen. Eine kleine Routine kann schon reichen.
- Schauen Sie das Motiv zuerst einige Sekunden ohne Kamera an.
- Entscheiden Sie, was Sie daran tatsächlich festhalten möchten.
- Machen Sie ein oder wenige Fotos.
- Stecken Sie das Smartphone danach wieder weg.
- Rufen Sie sich später ohne Foto einen konkreten Moment des Tages ins Gedächtnis.
Der letzte Schritt ist besonders interessant. Gedächtnis lebt auch davon, dass Informationen wieder abgerufen werden. In der Lernforschung gilt wiederholtes aktives Erinnern als wirksamer Mechanismus für langfristiges Behalten, auch wenn sich diese Erkenntnisse nicht direkt auf Urlaubserlebnisse übertragen lassen.
Praktisch dauert die Übung kaum eine Minute. Fragen Sie sich abends etwa, wie das Licht auf dem Wasser aussah oder was Ihr Gegenüber beim Mittagessen erzählt hat. Erst danach können Sie durch die Fotos scrollen.
Warum das Teilen eines Fotos ebenfalls eine Rolle spielt
Ein Foto entsteht heute selten nur für das private Album. Oft folgt direkt die Auswahl für einen Messenger oder ein soziales Netzwerk. Verändert das den Moment? Auch hier kommt es auf Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Absicht an.
Stellen Sie sich eine Reisende vor, die auf einer Aussichtsterrasse steht. Vor ihr liegen rote Dächer, irgendwo schlägt eine Kirchenglocke. Sie macht ein Foto, öffnet sofort die App, sucht einen Filter und beantwortet die ersten Reaktionen. Fünf Minuten später hat sie viel über das Bild nachgedacht und erstaunlich wenig über den Ort.
Probieren Sie deshalb eine einfache Trennung. Fotografieren Sie unterwegs, wenn Sie möchten. Verschieben Sie Auswahl und Teilen auf einen späteren Zeitpunkt, etwa in das Hotelzimmer am Abend.
So bleibt der eigentliche Moment zunächst frei von Kommentaren und Benachrichtigungen. Und die Fotos bekommen später noch einmal Ihre Aufmerksamkeit.
Welche Fotos bleiben Ihnen wirklich im Gedächtnis?
Brauchen Sie von einer einwöchigen Reise 600 Bilder? Dafür gibt es natürlich keine wissenschaftlich richtige Zahl. Interessanter ist die Frage, welche Bilder Ihnen später tatsächlich etwas bedeuten.
Eine Studie untersuchte, ob die Erwartung, später Zugriff auf ein Foto zu haben, den sogenannten Photo-Taking-Impairment-Effect erklärt. Der Gedächtniseffekt trat auch dann auf, wenn Versuchspersonen erwarteten, später keinen Zugriff auf die Aufnahme zu haben. Das spricht gegen die einfache Erklärung, wir würden Erinnerungen bloß an das Smartphone auslagern.
Die Aufmerksamkeit während des Fotografierens bleibt damit ein wichtiger Kandidat. Machen Sie deshalb lieber Bilder, bei denen Sie selbst kurz entscheiden müssen, was Ihnen an der Situation wichtig ist.
Und lassen Sie gelegentlich gar kein Foto entstehen. Manche Szenen dürfen einfach verschwinden, nachdem Sie sie erlebt haben.

Fazit: Gute Erinnerungen brauchen mehr als viele Fotos
Ständiges Fotografieren macht Ihre Urlaubserinnerungen nicht automatisch schlechter. Die Forschung zeigt sowohl mögliche Nachteile als auch Vorteile für bestimmte Aspekte des Gedächtnisses.
Entscheidend ist wahrscheinlich, was während des Fotografierens mit Ihrer Aufmerksamkeit passiert. Wenn Sie erst schauen, bewusst auswählen und das Smartphone danach wieder wegstecken, bleibt mehr Raum für den eigentlichen Moment.
Der Weltfotografietag ist deshalb ein guter Anlass für ein kleines Experiment. Machen Sie ein Foto, das Ihnen wichtig ist. Danach lassen Sie die Kamera für eine Weile in der Tasche.
Häufig gestellte Fragen!
Unter bestimmten experimentellen Bedingungen wurde eine schlechtere Erinnerung an fotografierte Objekte beobachtet. Andere Untersuchungen fanden jedoch Vorteile für bestimmte visuelle Erinnerungen, weshalb sich der Effekt nicht pauschalisieren lässt.
Fotografieren kann die visuelle Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte einer Szene lenken. Dadurch können einzelne visuelle Details später besser erinnert werden.
Eine wissenschaftlich optimale Zahl an Urlaubsfotos gibt es nicht. Sinnvoll kann es sein, bewusst auszuwählen und zwischen den Aufnahmen längere Phasen ohne Kamera einzuplanen.
Fotos speichern einen visuellen Ausschnitt, während persönliche Erinnerungen von Aufmerksamkeit und vielen weiteren Faktoren abhängen. Wenn das Fotografieren Ihre Aufmerksamkeit stark bindet, kann sich dadurch verändern, was Sie vom Erlebnis aufnehmen.
Der Weltfotografietag findet jedes Jahr am 19. August statt. Er erinnert an die Entwicklung der frühen Fotografie und wird heute weltweit als Aktionstag für Fotografie begangen.
