Das Wort taucht gerade überall auf. In Apotheken, in Nahrungsergänzungsshops, in Podcasts über medizinisches Cannabis: CBG. Cannabigerol. Das dritte Cannabinoid, von dem viele gehört haben, ohne genau zu wissen, was es eigentlich tut.
Wer genauer hinschaut, findet eine interessante Substanz mit einem eigenständigen Wirkprofil, frühen Laborergebnissen und einer Reihe von Versprechen, die der Stand der Forschung so noch nicht deckt. Genau darin liegt der Wert eines nüchternen Blicks.
Wie CBG im Körper wirkt
CBG steht für Cannabigerol und entsteht früh in der Cannabispflanze. Aus der Vorstufe Cannabigerolsäure werden im Verlauf des Pflanzenwachstums andere Cannabinoide gebildet, darunter THC und CBD. Weil CBG dabei quasi als Ausgangsmaterial dient, nennen manche es die Mutter aller Cannabinoide. Das klingt dramatisch. Im Labor ist es schlicht Biochemie.
Was CBG im Körper tut, unterscheidet sich von beiden bekannten Verwandten. Es macht nach heutigem Wissensstand nicht berauschend wie THC. Und es ist kein sanfteres CBD, weil es an anderen Rezeptorsystemen ansetzt.
Cannabigerol scheint unter anderem über CB1- und CB2-Rezeptoren zu wirken, greift aber auch in TRP-Kanäle und alpha-2-adrenerge Rezeptoren ein.
Eine umfassende Übersichtsarbeit chinesischer und amerikanischer Forschungsgruppen aus dem Jahr 2024 beschreibt entzündungshemmende, neuroprotektive und antibakterielle Ansätze, betont dabei aber unmissverständlich: Die belastbare klinische Evidenz beim Menschen fehlt weitgehend.
Das ist keine Enttäuschung, sondern ein sachlicher Stand. Neue Substanzen brauchen Zeit, um methodisch sauber erforscht zu werden.

Was Studien zu Entzündungen und Darm zeigen
Bei Entzündungen zeigt CBG im Labor auffällige Effekte. In Zellversuchen bremste es entzündliche Signalwege wie NF-κB und MAPK. Das sind Signalnetzwerke, die bei einer Reihe chronischer Erkrankungen eine Rolle spielen — von Arthritis bis zur entzündlichen Darmerkrankung. Klingt nach einer Menge. Ist es auch, sofern man im Labor bleibt.
Für den Darm gibt es eine besonders zitierte Mausstudie aus dem Jahr 2024. Forschende an der Pennsylvania State University testeten einen CBG-reichen Hanfextrakt im Colitis-Modell. Tatsächlich sank die Krankheitsaktivität, der Darm verlängerte sich, Gewebeschäden gingen zurück.
Was unbedingt dazugehört: Der Extrakt enthielt neben CBG auch erhebliche Mengen CBD und etwas Cannabichromene. Es handelte sich nicht um reines CBG. Was genau den Effekt ausgelöst hat, welche Anteile wie viel beitrugen — das bleibt offen. Und natürlich: Maus ist nicht Mensch.
Für Menschen mit Reizdarm oder Colitis ulcerosa bedeutet das keine Therapieempfehlung. Die Studie ist ein Hinweis, der Aufmerksamkeit verdient. Mehr nicht.
Augeninnendruck und Glaukom — Hinweise mit klaren Grenzen
Das Thema Glaukom wird in CBG-Werbung gern verknüpft. Tierstudien, teilweise aus den 1980er und 1990er Jahren, zeigen tatsächlich Hinweise auf drucksenkende Effekte — in Katzenmodellen und ähnlichen Versuchsanordnungen.
Eine Übersichtsarbeit zu Cannabinoiden und Glaukom aus dem Jahr 2024, die die vorhandene Literatur zusammenfasst, kommt zu einem klaren Schluss: Für eine routinemäßige Behandlung reicht die Evidenz nicht aus.
Der Hauptgrund liegt in der Pharmakologie. Der Effekt scheint kurzlebig zu sein. Glaukom-Therapie bedeutet aber stabile Druckkontrolle über Stunden und Tage, Schutz des Sehnervs, langfristige Verlaufskontrolle. Diese Anforderungen kann CBG nach aktuellem Stand nicht erfüllen.
Wer Augentropfen verordnet bekommen hat, sollte diese auf keinen Fall ohne Rücksprache absetzen oder reduzieren.
Wer in einem CBG-Produkt den Hinweis „unterstützt den Augenkomfort“ liest: Suchen Sie nach einer Humanstudie. Die Spur endet meistens früher als gedacht.
Was erste Humanstudien ergeben haben
Für zwei Bereiche gibt es inzwischen kleinere, aber methodisch bessere Daten. Eine doppelblinde, placebokontrollierte Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte die Akutwirkung einer Einzeldosis CBG auf Angst und Stress.
Die Teilnehmenden berichteten von niedrigeren Angst- und Stresswerten — die Effekte waren real, aber begrenzt auf die Akutsituation. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2025 prüfte CBG bei Veteranen mit Schlafproblemen und fand Verbesserungen bei Schlaf und Lebensqualität.
Beide Ergebnisse sind interessant. Und beide betreffen weder Darmentzündung noch Glaukom. Was das zeigt: CBG kann Wirkungen haben. Welche Dosis, welche Anwendung, bei wem — das braucht weitere Forschung. Für beruhigte Schlafqualität oder akute Stressmomente gibt es erste Daten. Für die häufig beworbenen Anwendungsgebiete noch nicht.
So ordnen Sie CBG-Produkte und -Versprechen ein
Der Markt arbeitet mit großen Versprechen. Eine ruhige Minute und vier Fragen helfen mehr als jede Werbebotschaft.
| Frage | Was Sie prüfen | Warum das wichtig ist |
| Wie viel CBG ist enthalten? | Milligramm-Angabe suchen | Ohne klare Dosierung keine Einordnung |
| Gibt es ein aktuelles Laborzertifikat? | Inhalt und Verunreinigungen prüfen | Qualitätsunterschiede zwischen Produkten sind erheblich |
| Ist es ein Isolat oder ein Extrakt? | Zusammensetzung lesen | Extrakte enthalten weitere Substanzen, deren Beitrag unklar sein kann |
| Werden Krankheiten versprochen? | Quellen hinter den Aussagen suchen | Ohne Humanstudien ist jede Indikationsangabe problematisch |
Wer bei Dauermedikation über CBG nachdenkt, spricht das kurz mit der Ärztin oder dem Apotheker an. Das ist keine Formalität, sondern sinnvolle Vorsicht: Cannabinoide können die Verstoffwechselung anderer Wirkstoffe beeinflussen.

Fazit
CBG ist ein Cannabinoid mit eigenem Wirkprofil und echtem Potenzial. Die frühe Forschung liefert Hinweise, die ernstnehmen lohnt. Gleichzeitig liegt der Abstand zwischen Laborergebnis und gesicherter Anwendung beim Menschen noch weit auseinander.
Wer das akzeptiert, kann CBG nüchtern einordnen: als Kandidaten, nicht als fertiges Werkzeug. Und als Stoff, bei dem es sich lohnt, die nächsten Jahre zu verfolgen, bevor man zu viel verspricht.
Häufig gestellte Fragen
Cannabigerol ist ein Cannabinoid aus der Cannabispflanze, das als Vorstufe für andere Cannabinoide wie THC und CBD gilt.
Nach aktuellem Wissensstand wirkt CBG nicht berauschend wie THC. Das bedeutet aber nicht, dass es frei von Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen ist.
Zell- und Tierstudien zeigen interessante entzündungshemmende Effekte. Für eine gesicherte medizinische Empfehlung beim Menschen fehlen noch ausreichende Daten.
Ältere Tierstudien zeigen Hinweise auf drucksenkende Effekte. Für die routinemäßige Behandlung von Glaukom reicht die Evidenz nicht aus. Verordnete Augentropfen sollten nicht eigenständig abgesetzt werden.
Für Entzündungen, Darmerkrankungen oder Augeninnendruck gibt es keine zugelassene Indikation. Produkte bewegen sich meist im Bereich Nahrungsergänzungsmittel oder Extrakte.
