Sind das Medizinalcannabisgesetz und das Cannabisgesetz in Gefahr?
Schon im März 2024 hat die CDU angekündigt, die Teillegalisierung von Cannabis rückgängig zu machen. Argumente für diese Position sind unter anderem Schwierigkeiten bei der Kontrolle, eine mögliche Überforderung der Justiz und die angebliche Gefährdung von Kindern und Jugendlichen.
Sollte die neue Regierung diese Gesetze tatsächlich zurücknehmen, hätte das allerdings gravierende Folgen für mehrere Gruppen: Patienten, Unternehmen in der Cannabiswirtschaft und die Mitglieder der Cannabis Social Clubs.

Auswirkungen auf Schmerzpatienten
Seit der Einführung des Medizinalcannabisgesetzes 2017 haben viele Patienten positive Erfahrungen mit der Anwendung von Cannabis gegen chronische Schmerzen gemacht.
Möglicherweise hindert eine gewisse Scham, die das Thema Cannabis noch umgibt, viele deutsche Patienten daran, ausführliche Interviews über ihre Schmerztherapie mit Cannabis zu geben.
Die Schweizerin Dolores Keller leidet an Polyarthrose. Sie berichtete in einem Interview mit rheumaliga.ch über den Verlauf ihrer Krankheit und ihre Behandlungen, bis sie das THC-haltige Medikament Dronabinol fand. Sie betont, keine Nebenwirkungen durch das Cannabis-Präparat zu verspüren. Ihre Lebensqualität hat sich dadurch deutlich verbessert:
„Die Schmerzen sind immer noch da, wann immer ich mich bewege. Aber ich nehme sie anders wahr, wie aus einer gewissen Entfernung. Es ist schwer zu beschreiben, ich kann nur sagen, dass ich die Schmerzen dank Cannabis viel besser ertrage. Ich kann sie wegstecken und aktiv sein, rausgehen, mich bewegen.“
Aktuelle Erfahrungen von Patienten mit dem Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) finden Sie auf der Bewertungsplattform Sanego, wo THC-haltige Arzneimittel mit durchschnittlich 8,3 von 10 möglichen Punkten bewertet werden.
In einem Interview mit RBB erklärte der Neurologe Prof. Dr. Georg Ebersbach, dass die Behandlung mit Cannabis bei Erkrankungen wie der Parkinsonschen Krankheit immer noch Neuland ist, es aber kaum Alternativen gibt:
„Ich habe in den vergangenen zwei Jahren etwa zehn Parkinsonpatienten mit Cannabis behandelt. Manche wollen es unbedingt versuchen, dann probieren wir es auch meistens. Und dann gibt es noch die Patienten, bei denen wir mit regulären Medikamenten nicht weiterkommen.
In Absprache mit den Patienten und unter Erwägung der Nebenwirkungen versuchen wir es dann manchmal mit Cannabis – in dem Wissen, dass es bisher wenig Evidenz gibt.“
Eine vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) veröffentlichte Erhebung zeigt, dass chronische Schmerzen die häufigste Indikation für die Verschreibung von Cannabis-Arzneimitteln sind: Bei 73 Prozent der Fälle, in denen Cannabis eingesetzt wurde, waren Schmerzen der Grund.
Sollte die Versorgung mit medizinischem Cannabis eingeschränkt oder ganz eingestellt werden, sind diese Schmerzpatienten gezwungen, konventionelle Schmerzmittel wie Paracetamol, nichtsteroidale Antirheumatika oder Opioide zu nehmen.
Dabei ist nicht nur eine schlechtere Schmerzkontrolle absehbar, sondern auch ein höheres Risiko von Nebenwirkungen und Abhängigkeiten. Manche Schmerzpatienten könnten sich geradezu gezwungen sehen, auf den Schwarzmarkt auszuweichen.
Auswirkungen auf Start-ups und Apotheken
Die Rücknahme der Cannabiscesetze in Deutschland hätte erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen für Start-ups und Apotheken, die sich auf medizinisches Cannabis spezialisiert haben.
Start-ups im Bereich medizinisches Cannabis und Freizeitkonsum
Ein prominentes Beispiel ist die Sanity Group, ein in Europa führender Anbieter von medizinischem Cannabis und Produkten für den Freizeitkonsum.
Ein weiteres besonders erfolgreiches Unternehmen ist der Cannabisproduzent Demecan. Dieses Unternehmen gab im August 2024 die Erfolgsmeldung heraus, dass es sich einer Bewertung von 100 Millionen Euro näherte.
Apotheken, die medizinisches Cannabis anbieten
Folgende Apotheken sind nur einige Beispiele aus Hunderten in ganz Deutschland:
Die Kölner Cannabis-Apotheke bietet heute für Patienten in ganz Deutschland medizinische Cannabisprodukte in einem Webshop an. Sie hat sich auf die Behandlung unterschiedlicher medizinischer Bedürfnisse spezialisiert und stellt innovative Lösungen wie einen Rezeptkonfigurator zur Verfügung.
Die Bahnhof-Apotheke Bonn bietet ebenfalls umfassende Serviceleistungen rund um medizinisches Cannabis an, wozu auch umfangreiche Informationen auf der Website gehören.
Geschäftliches Aus nach Rücknahme der Gesetze?
Sollten die Cannabiscesetze zurückgenommen werden, würde das für diese Start-ups und Apotheken ein erhebliches Problem bedeuten. Sie müssten den Betrieb entweder einstellen oder ihr Geschäftsmodell auf andere Bereiche umstellen.
Ein großer Teil der Investitionen in Infrastruktur, Forschung und Entwicklung würde mit einem Schlag einen großen Teil des Wertes verlieren.
Auswirkungen auf Cannabis Social Clubs und Grower
Seit dem 1. Juli 2024 können in Deutschland Cannabis Social Clubs als Anbauvereinigungen zugelassen werden. Diese nicht-kommerziellen Vereine dürfen Cannabis für den gemeinschaftlichen Eigenbedarf ihrer Mitglieder anbauen.
Ein Beispiel ist der Cannabis Social Club im Landkreis Oldenburg. Der WDR berichtete im November 2024 über den Enthusiasmus rund um die erste Ernte.
Ein weiteres Beispiel ist der Cannapingu Cannabis Club Hamburg, der laut Bericht auf Welt.de mit bürokratischen Hürden und Verzögerungen bei der Genehmigung zu kämpfen hatte. Somit fiel das in vielen Foren angekündigte „grüne Weihnachten“ 2024 aus.
In einem Thread der internationalen Plattform Grow with Jane posten deutsche Grower stolz Bilder von ihren Pflanzen. Daran zeigt sich, dass der Anbau für viele Menschen ein Hobby geworden ist, das sie verbindet.
Auswirkungen einer Rücknahme der Gesetze
Falls der Anbau von Cannabis wieder illegal wird, müssen die Cannabis Social Clubs ihren Anbau einstellen. Das bedeutet konkret, dass sie ihre Anbauflächen aufgeben, ihre selbst aufgezogenen Pflanzen vernichten und ihre Strukturen auflösen müssen.
Es ist anzunehmen, dass manche Mitglieder in diesem Fall versuchen werden, den Anbau illegal fortzusetzen.

Fazit: medizinische und wirtschaftliche Folgen für viele Menschen
Eine Rücknahme der aktuellen Cannabisgesetze hätte unangenehme Folgen für mehrere Gruppen.
Schmerzpatienten könnten gezwungen sein, wieder auf konventionelle Medikamente umzusteigen oder auf illegale Bezugsquellen auszuweichen.
Start-ups und Apotheken, die sich auf Cannabisprodukte spezialisiert haben, würden erhebliche wirtschaftliche Verluste erleiden und möglicherweise ihre Geschäftstätigkeit einstellen müssen.
Die mühsam gegründeten Cannabis Social Clubs stünden vor dem Aus und müssten zerstören, was sie sich aufgebaut haben.
Diesen Nachteilen stehen nur wenige und ungenau formulierte Vorteile gegenüber. Somit bleibt zu hoffen, dass die neue Regierung die Teillegalisierung von Cannabis beibehalten wird.
